Pflanze des Monats

Für jeden Monat hat unsere NABU-Gruppe eine Pflanze ausgewählt, die bekannter gemacht werden soll. Vor allem zur Winterszeit, wenn wachsende oder gar blühende Pflanzen eher selten sind, stellen wir aber auch mal einen Pilz vor.

 

Es handelt sich meist um Pflanzen (oder Pilze), die überall zu finden sind und oft auch im Garten der Natur wachsen. Der "Garten der Natur" befindet sich in Winsen auf dem ehemaligen Gartenschau-Gelände und wird von uns angelegt und weiterentwickelt als gärtnerische Anlage mit natürlichen und naturnahen Elementen. 


Mai 2020

Gefleckter Aronstab (Arum maculatum)

 

Familie: Aronstabgewächse (Araceae)

 

Vor vielen Jahren im Herbst bekam ich von einem Freund eine Handvoll Erde, in der sich etliche Knollen von wenigen Zentimetern Größe befanden. In den Garten an einen schattigen Ort unter Bäumen und Buschwerk gepflanzt, wächst dort Jahr für Jahr der Gefleckte Aronstab und bildet einen langsam wachsenden Bestand.

 

Gefleckter Aronstab, Blütenstand mit Hochblatt, Kessel und Kolben. Winsen, 1. Mai 2020
Gefleckter Aronstab, Blütenstand mit Hochblatt, Kessel und Kolben. Winsen, 1. Mai 2020

Die Blätter des Aronstabes sind 10 bis 20 Zentimeter lang und breit pfeilförmig. Sie sitzen auf langen Stielen und sind auf sattgrünem Grund schwarz gefleckt (Name!). Häufig sind aber auch Pflanzen, die keine Flecken besitzen. Die in den Monaten April und Mai erscheinende Blüte ist im Gegensatz zu den Blättern in keiner Weise gewöhnlich. Die gesamte Blüte ist von einem großen, tütenförmig aufgerollten und oben spitz zulaufenden Hochblatt umhüllt. Das Hochblatt bildet im unteren Teil einen nur oben offenen Kessel. In diesem Kessel befindet sich der eigentliche Blütenstand mit männlichen (Staubgefäße, oben) und weiblichen Teilen (unten). Die Verlängerung der Blütenachse ist steril und ragt als brauner Kolben oben aus dem Kessel heraus. Die Befruchtung der weiblichen Blütenteile besorgen kleine Insekten, insbesondere Schmetterlingsmücken. Diese rutschen an den glatten Wänden des Hochblattes in den Kessel und können diesen zunächst nicht verlassen, weil sie ein Kranz aus steifen Borsten wie in einer Reuse zurückhält. Waren die Insekten bereits in einem anderen Aronstab-Kessel, bringen sie Pollen mit, den sie auf den weiblichen Blüten ihrer neuen Wirtspflanze verteilen. Erst danach und nach kurzer Zeit reifen die männlichen Blütenteile und überschütten die Gast-Insekten mit neuem Pollen.

Hier ist der Borsten-Kranz zu erkennen, der die im Kessel gefangenen Insekten zurückhält. Winsen, 4. Mai 2008
Hier ist der Borsten-Kranz zu erkennen, der die im Kessel gefangenen Insekten zurückhält. Winsen, 4. Mai 2008

Inzwischen erschlaffen die Borsten und geben den Eingang des Kessels für die unfreiwilligen Gäste frei, von denen sich nicht wenige anschließend im nächsten Blütenkäfig wiederfinden, wo sich das Spiel wiederholt.

 

Nach der Befruchtung der Blüten erschlafft das Hochblatt und die weiblichen Blüten bilden einen Kolben dicht an dicht sitzender Beeren, die zunächst grün sind und sich bei ihrer Reife im Lauf des Sommers rot färben.

 

Fruchtstände des Gefleckten Aronstabes. Winsen, 27. August 2017
Fruchtstände des Gefleckten Aronstabes. Winsen, 27. August 2017

Der Gefleckte Aronstab ist als Wildpflanze bei uns selten, denn er bevorzugt nährstoffreichen und kalkhaltigen Boden, der im Norddeutschen Tiefland rar ist. Als Gartenpflanze kommt er aber, wie mein Bestand zeigt, durchaus zurecht und selbst Samen laufen offensichtlich auf, denn die Pflanze kommt mittlerweile in verschiedenen Teilen, auch weitab vom ursprünglichen Standort, vor.

 

Essen sollte man den Aronstab übrigens nicht – alle Pflanzenteile sind stark giftig.

 

(Text und Bilder: Dietrich Westphal, Mai 2020)

 

April 2020

Gefingerter Lerchensporn (Corydalis solida)

 Familie: Mohngewächse (Papaveraceae)

 

Der Gefingerte Lerchensporn ist in Niedersachsen von Natur aus recht selten, wird aber gelegentlich als Zierpflanze in Gärten gepflanzt und verbreitet sich von dort aus in die Umgebung.

 

Gefingerter Lerchensporn in Rot und Weiß. Winsen, 28. März 2017
Gefingerter Lerchensporn in Rot und Weiß. Winsen, 28. März 2017

Der Gefingerte Lerchensporn wächst im Frühling aus einer Knolle im Boden. Die Pflanze wird 10 bis 20 Zentimeter hoch, trägt am Ende des unverzweigten Stängels eine Blütentraube von fünf bis zwanzig Einzelblüten sowie darunter wechselständig zwei bis drei dunkel- bis blaugrüne Blätter. Jedes Blatt ist aus drei Teilblättchen zusammengesetzt und jedes Teilblättchen ist wiederum dreiteilig. Die Blüten entspringen aus den Achseln von Tragblättern, die vorne fingerförmig eingeschnitten sind (Name!). Die Blüten-Tragblätter des ähnlichen Hohlen Lerchensporns dagegen sind eiförmig und ganzrandig. Die Blüten sind etwa 2 Zentimeter lang, zweiseitig symmetrisch und mit einem langen Sporn ausgestattet. Die Farbe der Blüten ist meist ein trübes Rot. Es kommen aber auch lila, bläuliche und weiße Blüten vor. Der Lerchensporn blüht je nach Verlauf der Witterung von Mitte März bis in den Mai.

 

Gefingerter Lerchensporn in Blau-Lila. Die gefingerten Tragblätter der Blüten sind deutlich zu erkennen. Winsen, 31. März 2019
Gefingerter Lerchensporn in Blau-Lila. Die gefingerten Tragblätter der Blüten sind deutlich zu erkennen. Winsen, 31. März 2019

Der Gefingerte Lerchensporn ist nicht besonders anspruchsvoll und einmal eingebracht, kommt er unter Bäumen und Gebüsch, gern auf etwas feuchten, kalkarmen, aber humosen und nährstoffreichen Böden, Jahr für Jahr wieder, meist nicht einzeln, sondern in kleinen Beständen.

 

Die Befruchtung erfolgt durch langrüsselige Insekten, die in der Lage sind, den Nektar am Ende des langen Sporns zu erreichen. Kurzrüsselige Hummeln beißen kurzerhand ein Loch in den Sporn und kommen so ohne Befruchtungsleistung an den Nektar.

 

Von besonderer Bedeutung ist der Gefingerte Lerchensporn als Nektarlieferant für den Zitronenfalter und als Nahrungspflanze für die Raupen des in Deutschland vom Aussterben bedrohten Schwarzen Apollofalters.

 

Hohler Lerchensporn, weiß, mit von Hummeln aufgebissenen Blütenspornen. Winsen, 2. April 2019
Hohler Lerchensporn, weiß, mit von Hummeln aufgebissenen Blütenspornen. Winsen, 2. April 2019

Die bald nach Ende der Blütezeit reifenden Samen werden von Ameisen, die es auf ein Anhängsel des Samens als Nahrung abgesehen haben, verschleppt und verbreitet. Auf geeignetem Boden keimen die Samen bald. Es dauert aber mehrere Jahre, bis die Pflanze zum Blühen kommt.

 

(Text und Bilder: Dietrich Westphal, April 2020)

 

März 2020

Efeu-Ehrenpreis (Veronica hederifolia)

 Familie: Wegerichgewächse (Plantaginaceae)

Systematik ist eine lebendige Wissenschaft. Eben noch gehörten die Ehrenpreise (Gattung Veronica) zu den Braunwurzgewächsen und schon werden sie aufgrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse als Wegerichgewächse gelistet. Zum Glück verändern sich die Pflanzen selbst dadurch nicht…

 

Efeu-Ehrenpreis, Spitze eines Stängels mit teilweise geöffneter Blüte. Winsen, 25. März 2019
Efeu-Ehrenpreis, Spitze eines Stängels mit teilweise geöffneter Blüte. Winsen, 25. März 2019

Der Efeu-Ehrenpreis ist eine unauffällige Pflanze, die bis zu 30 Zentimeter lange, am Grunde verzweigte und meist am Boden liegende Stängel hervorbringt. Die nur um 2 Zentimeter großen Blätter sind breit eiförmig und deutlich drei- bis fünflappig. Damit ähneln sie entfernt den Blättern des Efeus (Name!). Besonders im oberen Teil der Stängel sind die Blätter an ihren Rändern auffällig behaart. Am unteren Teil der Stängel stehen die Blätter gegenständig und oben wechselständig. 10 Blüten oder mehr wachsen einzeln in den Achseln der mittleren und oberen Blätter eines jeden Stängels. Sie sind, ausgebreitet gemessen, nur etwa einen halben Zentimeter groß, hell-lila gefärbt, dunkler geädert und am Grunde weißlich. Die Blütezeit fällt in die Monate März bis Mai.

 

Efeu-Ehrenpreis. Die Ansicht der Blätter von unten lässt ihre efeu-ähnliche Form erkennen. Winsen, 25. März 2019
Efeu-Ehrenpreis. Die Ansicht der Blätter von unten lässt ihre efeu-ähnliche Form erkennen. Winsen, 25. März 2019

Der Efeu-Ehrenpreis ist allgemein verbreitet und meist auch häufig. Man findet ihn auf Äckern, in Hecken und Ödland, aber auch im Rasen, wo er wegen seiner meist niederliegenden Wuchsform vom Mähgerät nicht erfasst wird.

 

Efeu-Ehrenpreis, Triebspitze mit nicht vollständig geöffneter Blüte. Winsen, 25. März 2019
Efeu-Ehrenpreis, Triebspitze mit nicht vollständig geöffneter Blüte. Winsen, 25. März 2019

Der Efeu-Ehrenpreis ist ein einjähriges Kraut, dessen Früchte im Zeitraum April bis Juni reifen. Die Samen keimen entweder im Herbst oder nach Überwinterung im Frühling. Samen und Sämlinge sind vollständig frosthart.

 

(Text und Bilder: Dietrich Westphal, März 2020)

 

 

 


Februar 2020

Gemeines Kissenmoos (Grimmia pulvinata)

 Gruppe: Laubmoose, Familie: Grimms Moose (Grimmiaceae)

 

   Während man sich darüber streiten kann, ob die Pflanze des Monats vom Januar, die Zarte Schwielenflechte, überhaupt zu den Pflanzen zählt, gibt es da bei der des Februar kein Vertun. Zwar wächst das Gemeine Kissenmoos, ebenso wie viele Flechten, auf festem Untergrund, aber es ist in Stängel, Blätter und Fortpflanzungsorgane differenziert und es enthält in seinen Zellen das Blattgrün, das es zur eigenständigen Photosynthese benötigt.

 

Polster des Gemeinen Kissenmooses am Fuß einer Eiche (mitte). Winsen, 4.2.2020
Polster des Gemeinen Kissenmooses am Fuß einer Eiche (mitte). Winsen, 4.2.2020

Das Gemeine Kissenmoos bildet kleine, meist nur wenige Zentimeter durchmessende, kompakte Polster, die blaugrün bis schwärzlich-grün gefärbt sind und grau schimmern. Die dicht gedrängt aufrecht stehenden Stängel sind gabelig verzweigt und ein bis zwei Zentimeter hoch. Sie sind spiralförmig mit etwa drei Millimeter langen Blättern besetzt, die an ihren Spitzen jeweils ein farbloses Haar tragen, die drei Viertel der Länge der Blätter erreichen können. Diese „Glashaare“ sind die Ursache des grauen Schimmers der Polster. Fast immer sind auf diesem Moos Sporenträger zu finden. Sie bestehen aus im unreifen Zustand gekrümmten Stielen und grünen kugeligen Kapseln. Bei der Reife richten sich die Stiele auf und ragen dann über das Moospolster hinaus.

 

Abgelöstes Polster des Gemeinen Kissenmooses mit unreifen Sporenträgern. Winsen, 4.2.2020
Abgelöstes Polster des Gemeinen Kissenmooses mit unreifen Sporenträgern. Winsen, 4.2.2020
Sporenträger des Gemeinen Kissenmooses mit geschnäbelter Kappe. Winsen, 4.2.2020
Sporenträger des Gemeinen Kissenmooses mit geschnäbelter Kappe. Winsen, 4.2.2020

Das Gemeine Kissenmoos gedeiht an natürlichem Fels, an Mauern und auch an Beton. Man findet es meist an besonnten, aber periodisch feuchten Stellen. Es erträgt Austrocknen bis hin zur fast völligen Wasserlosigkeit. Gelegentlich wächst es auch auf Rinde am Fuß von Bäumen. Das Gemeine Kissenmoos ist weit verbreitet und bei uns häufig. Nur in Gegenden mit starker Luftverschmutzung ist es seltener oder fehlt ganz.

 

Die erwähnten „Glashaare“ dienen unter anderem als Kondensationspunkte für Tauwasser, das für die Moospolster lebenswichtig ist. Außerdem zerstreuen sie das einfallende Licht. Das empfindliche Blattgrün wird dadurch vor zu starker Sonnenstrahlung geschützt.

 

 

 

(Text und Bilder: Dietrich Westphal, Februar 2020)

 

Januar 2020

Zarte Schwielenflechte (Physcia tenella)

 Gruppe: Blattflechten, Familie: Physciaceae

 

Wenn im Winter Blütenpflanzen rar sind, fällt der Blick schon eher einmal auf Lebewesen, wie die Flechten, die auch im Winter ihr –meist unendlich langsames- Wachstum nicht einstellen. Flechten bestehen bekanntermaßen aus einem Pilz-Partner und einem Pflanzen-Partner, meist einer Grünalgen-Art, die untrennbar in Symbiose miteinander verbunden sind. Viele Flechten sind einerseits imstande, extremste Lebensräume hinsichtlich Feuchtigkeit und Temperatur zu besiedeln, andererseits reagieren manche Arten empfindlich auf Luftschadstoffe, wie z.B. Schwefeldioxid, und haben deshalb in belasteten Gebieten erheblich an Vielfalt eingebüßt.

 

Zarte Schwielenflechte an Eichenrinde, zusammen mit Moosen und einer weiteren Flechtenart (Bildmitte, oben). Winsen, 4. Januar 2020
Zarte Schwielenflechte an Eichenrinde, zusammen mit Moosen und einer weiteren Flechtenart (Bildmitte, oben). Winsen, 4. Januar 2020

Die Zarte Schwielenflechte wächst auf der Rinde von Bäumen. Dort bildet sie wenige Zentimeter große, oft rosettenförmige Lager, die ggf. zu größeren Flächen zusammenwachsen. Die einzelnen Läppchen dieser kleinen Flechte sind weißgrau, vielfach mit grünlichem Schimmer, und 0,5 bis 1 Millimeter breit. Schaut man sich die Flechte mit der Lupe an, fallen neben bis 2 Millimeter langen Wimpern an den Rändern der Läppchen besonders winzige rundliche Gebilde auf, die in großer Zahl an lippenartig aufgebogenen Enden mancher Läppchen zu finden sind. Es handelt sich hier um „Soredien“, die der Fortpflanzung dienen, indem sie sich von der Mutterpflanze ablösen und eine neue Flechte bilden können.

 

Zarte Schwielenflechte ca. 1,5 cm breit, mit "Wimpern" an den Rändern sowie Ansammlungen von Soredien (Sorale). Winsen, 3. Januar 2020
Zarte Schwielenflechte ca. 1,5 cm breit, mit "Wimpern" an den Rändern sowie Ansammlungen von Soredien (Sorale). Winsen, 3. Januar 2020

Die Zarte Schwielenflechte zählt nicht zu den in Hinblick auf Luftschadstoffe empfindlichen Arten und so fand ich sie auf Anhieb auf der rissigen Borke der großen Eichen im Winsener Schlosspark. Sie ist weit verbreitet und wegen ihrer Robustheit selbst in Großstädten häufig zu finden.

 

(Text und Bilder: Dietrich Westphal, Januar 2020)